25. September

2013

Bine, Bruce und ich.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag schon zu dem Jahrestag schreiben, aber irgendwie waren tausend andere Dinge – vor allem in der SUPERillu – zu tun. Na dann jetzt also. Am 19. Juli 1988, also vor 25 Jahren, fand auf der Trabrennbahn in Berlin-Weissensee das wohl größte Konzert eines Einzelkünstlers auf europäischen Boden statt: Bruce Springsteen in Ostberlin. Die Schätzungen schwanken zwischen 160 000 und 500 000 Zuschauern. Wie dem auch sei, das Konzert des Amerikaners, als die Mauer noch scheinbar unüberwindbar die Stadt und das Land teilte, war der Aufbruch in eine neue Zeit und für alle, die dabei waren, eines der prägendsten Erlebnisse ihres Lebens. Auch für mich. Denn ich war dabei.

Ich studierte damals in Westberlin, unter anderem Geschichte. Mit ein paar Freunden fuhren wir so alle vier Wochen rüber in den anderen Teil der Stadt. Meist um Bücher in der berühmten Karl-Marx-Buchhandlung zu kaufen, denn die Fachliteratur dort war zum einen für uns Weststudenten erschwinglich und zum anderen galt die DDR-Wissenschaft auf dem Gebiet der mittelalterlichen (Sozial-)Geschichtsschreibung als weltweit führend. Danach ging es meistens mit der S-Bahn raus nach Friedrichshagen zum Essen in das Restaurant “Spindel”. Und den Abend ließen wir dann am Rathaus Pankow in einer Diskothek ausklingen. Ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern, ich weiß nur noch, dass sie sich direkt neben einem Reisebuchladen befand. (Falls jemand den Namen kennt: Her damit :) ).

Irgendwann im Frühjahr 1988 lernte ich dort Bine kennen. Sie tanzte ausgelassen zu “Glory Days” von Springsteens Album “Born In The USA”, das 1986 als Amiga-Version in der DDR erschienen war. Wir unterhielten uns den ganzen Abend über Springsteen, bis wir uns kurz vor zwei Uhr morgens – bis dahin musst man als Tagestourist Ostberlin wieder verlassen haben – vor dem “Tränenpalast” verabschiedeten. (Warum der “Tränenpalast” Tränenpalast hiess, könnt Ihr am besten in dem Artikel in dem verlinkten Artikel nachlesen.)

In den folgenden Monaten fuhr ich immer wieder nach Ostberlin, um Bine zu besuchen. Meistens lagen wir im Zimmer ihrer Wohnung in Hohenschönhausen, die sie zusammen mit ihrer Mutter bewohnte, hörten Springsteen und sie erzählte mir von dem Leben in der DDR. Interessanterweise sprachen wir nie darüber, was wäre, wenn es die Mauer nicht geben würde. Wir ignorierten diese Tatsache einfach, auch weil ich spürte, dass Bine gerne in der DDR lebte und jedes Gespräch darüber als persönliche Kritik empfand. So gab es nur die Musik und den Sommer und ihre Plätze in Ostberlin.

Ende Juni, Anfang Juli rannte sie mir an unserem Treffpunkt auf dem Alexanderplatz – der Weltzeituhr, welch Überraschung – ganz gegen ihre sonstige Angewohnheit entgegen, fiel mir in die Arme und flüsterte mir ins Ohr: “Der Boss kommt. Der Boss kommt.” Und sie erzählte zum ersten Mal, wo sie genau arbeitete. Sagen wir so, sie machte eine Ausbildung in einer sehr staatsnahen Organisation. “Ich bin aber nicht bei der Stasi,” fügte sie hinzu. Mich interessierte das damals, 22jährig, alles nicht. Ich sah nur Bine und Bruce. Sie würde uns Karten besorgen, redete sie weiter, ich solle an dem Tag über die Grenze kommen und wir würden uns – entgegen unserer sonstigen Gewohnheit – auf der Schönhauser Allee treffen. “Zieh dir normale Sachen an,” sagte sie noch, “ich habe gehört, dass sie erkennbaren Bruce-Fans die Einreise erschweren, ja sogar untersagen wollen.”

Ich glaube, es war der Montag nach diesem Wochenende, als das FDJ-Zentralorgan “Junge Welt“, die Sensation verkündetet: “Am 19. Juli begehen unsere Freunde in Nicaragua den 9. Jahrestag der sandinistischen Revolution. Wir freuen uns, dass der US-amerikanische Sänger Bruce Springsteen sich bereit erklärt hat, an diesem Tag für die Jugend der DDR ein Konzert zu geben.”

Das Konzert habe ich – ehrlich gesagt – nur wie in Trance erlebt. Ich kann mich nur an Bruchstücke erinnern. Wie Bine und ich uns an der Schönhauser trafen, wir in einem blauen Trabi mit zwei Freunden in blauen FDJ-Hemden durch Berlin fuhren, wir irgendwelche Weg nahmen, um nach Weissensee zu kommen, ich pötzlich in einer Traube von Leute stand, die Bine alle kannten. Und dann dieses unglaubliche Meer von Menschen. Menschen, so weit ich blicken konnte. Und ich erinnere mich an die unfassbar viele amerikanischen Flaggen, zum großen Teil selbst gebastelt. Der Jubel, der ausbrach, als Bruce die Bühne betrat. Ich hatte Springsteen vorher dreimal gesehen. In Rotterdam, in München und in Frankfurt/Main. Aber das, was ich hier in Ostberlin erlebte, übertraf alles. Hundertausende Zuschauer, die den Traum des Rock’n Roll träumten. Den von Freiheit. Es war an diesem Tag zu spüren, selbst für mich, der nicht hier in der DDR wohnte, dass hier Etwas begann. Noch war es diffus und alle, die dabei waren, konnten es damals nicht in Worte fassen, aber ich bin mir sicher alle spürten es.

Es begann mit Springsteens Rede vor dem Song “Chimes Of Freedom”, die in der zeitversetzten Übertragung des DDR-Fernsehens herausgeschnitten wurde. Er sagte: “Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock ‘n’ Roll für euch zu spielen – in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden!”

Bitte guckt Euch die Originalaufnahme aus dem DDR-Fernsehen an (plus das Interview mit dem Boss), und Ihr werdet verstehen. Gänsehaut ist kein Ausdruck dafür. Bine, die, wie ich ja jetzt wusste, sehr staatsnah war, liefen die Tränen über die Wangen…und nicht nur Ihr…

Trotzdem war der Höhepunkt des Abends als Bruce Heike Bernhardt auf die Bühne holte und mit ihr zu “Dancing In The Dark” tanzte. Sie, das einfache Mädchen aus Brandenburg, durfte ihn für alle stellvertretend umarmen.

Es mag sich übertrieben anhören, aber ich glaube, es ist das wichtigste Konzert der Zeitgeschichte gewesen. Hier wurden die Wurzeln für den Fall des Eisernen Vorhanges gelegt, hier wurde der Mut geboren, mit dem die Menschen in der DDR die Mauer zum Einsturz brachten. Mit der Sehnsucht nach Freiheit.

Epilog: Nach dem Fall der Mauer trafen Bine und ich uns natürlich. Wir feierten wie die Verrückten. Aber irgendwann sagte sie: “Ich will die Welt entdecken…” – und ging. Heute ist sie eine berühmte Wirtschaftsanwältin in Nordamerika, verheiratet, drei Kinder. Deswegen heisst Bine auch nicht Bine und deswegen habe ich den Balken in ihr Gesicht machen müssen. Das Foto entstand drei Tage nach dem Fall der Mauer.

Und immer am 19. Juli eines jeden Jahres schickt sie mir einen Brief, eine Postkarte und seit neuestem eine SMS und darin steht: “Born To Run, Baby!” Mehr nicht.

Mehr Infos zum Konzert gibt es hier.

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