18. Januar

2013

Lutz oder das Kreuz mit den Sachsen

Lutz wohnt seit zwei Monaten in meiner Wohnung. Er hat ein eigenes Zimmer, eigene Möbel und ein eigenes Klo. Und er ist sehr eigen, denn gesehen habe ich ihn noch nie.Immer wenn ich die Türe aufschließe, in die Wohnung hereintrete und rufe “Haaallooo Luuutz”, verschwindet er in sein Zimmer. Ich koche mir etwas zu essen, ich öffne ein Bier, ich mache den Fernseher an oder höre Musik – all das interessiert ihn nicht. Nun, Lutz ist Sachse. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass der Sachse…na, sagen wir… eher wortkarg und zurückhaltend ist, was das Aussprechen und Ausleben von Emotionen angeht. Wenn ich mit meiner anderen Mitbewohnerin zum Beispiel – sie kommt aus den Nähe von Bautzen – mehr als vierzehn Worte wechsele, bricht sie erschöpft zusammen, weil das ihrem Kommunikationsplan für das ganze Jahr entspricht. Es sei denn, sie hat ein paar Cuba Libre intus und spricht über ihre Arbeit. Dann komme ich in den nächsten Stunden nicht ins Bett.

Ich habe einen sehr guten Freund. Er ist Fotograf, und was für diese Geschichte viel wichtiger ist, er ist Dresdner. Schießt er ein gutes Foto, lobt ihn sein Auftraggeber, sagt seine Freundin, wie sehr sie ihn liebt, dann bricht es nicht etwa aus ihm heraus “boaaah, toll, klasse, super, wahnsinn”, sondern es kommt nur ein schlichtes “nu”. Sachsen sagen nix. Oder nicht viel.

Ich war mal mit meiner Mitbewohnerin bei meinem Freund in Dresden. So richtig viel haben sie sich nicht unterhalten, nur ein paar Sätze ausgetauscht, deren Inhalt ich nicht verstand. Ein paar Tage später – zurück in Berlin – erzählt mir meine Mitbewohnerin – bei Cuba Libre – eine ganze Nacht lang, worüber sie sich mit meinem Kumpel ausgetauscht hat. Ich staunte, waren es doch meiner Erinnerung nach nur vier bis fünf Sätze.

Vielleicht ist das mit Lutz auch so. Vielleicht überfordere ich ihn mit meiner rheinischen Frohnatur und meinem bergischen Mitteilungsbedürfnis; und muss einfach den Sachsen-Code lernen. Reinkommen, “nu” sagen, schweigen und warten was passiert. Vielleicht hat er mich ja total lieb, kann es aber eben nicht so richtig zeigen.

Wahrscheinlicher aber ist, dass Lutz sich schämt. Lutz ist eine schöne Katzendame, die den dämlichen Namen tragen muss, weil man beim Wurf seiner Mutter erwartet hatte, dass sie ein Männchen zu Welt bringt. Lutz, ich mag dich trotzdem.

2 Kommentare zu „Lutz oder das Kreuz mit den Sachsen“

  1. thg sagt:

    1) Arme Lutzine! Katzen mit Persönlichkeitsstörungen… ein hartes Los.

    2) Ich bin der lebendige Gegenbeweis in Sachen “schweigsamer Sachse”. Biete meinerseits Mitbwohner zur Bestätigung dieser Aussage.

    3) “Nu” ist trotzdem einfach zu schön!

  2. Ines Reinhardt sagt:

    SCHWACHSINN (mehr Worte darf ich ja nun als Sächsin nicht verwenden, denn ich würde dein Bild der Sachsen zerstören, auch damit wenn ich dir sagen würde, dass sehr viele Sachsen, unter anderem auch ich, emotional, gesellig und gesprächig sind).
    Vielleicht solltest du den Blog nicht Ostlust, sondern Psychofrust nennen.
    Wer will denn wissen (auch wir Sachsen nicht), dass eine wahrscheinlich pupertäre Frau ihre weibliche Katze Lutz nennt.
    Bitte etwas mehr Nivaeu. Früher war der Blog lesenswert.

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