22. Oktober

2011

Jogi (und Arne)

Da steht er vor mir. Keine zehn Meter von mir entfernt. Alles sitzt perfekt, von den braunen Lederschuhen bis zum dichten schwarzen Haar. 3:0 führen seine Jungs gegen die Belgier in der Düsseldorfer Esprit Arena. Kein Miene verzieht er, ist cool, auch als Thomas Müller kommt und ihn anlächelnd abklatscht. Das ist er, so ist er: Joachim, genannt, “Jogi”, Löw, Bundestrainer. In diesem Moment muss ich an eine gemeinsame Autofahrt im September 2006 denken.


Ich holte Jogi Löw vom Flughafen Berlin-Schönefeld ab, weil wir – also die SUPERillu und der MDR  - ihn an diesem Tag die “Goldene Henne” im Friedrichstadtpalast verleihen wollten. Wir hatten uns bewusst für den ehemaligen Assistenten von Jürgen Klinsmann entschieden, weil er einerseits als dessen Nachfolger feststand und uns und unseren Lesern andererseits klar war, dass er einen genauso großen Anteil an dem Sommermärchen 2006 hatte wie der Motivator Klinsmann. Ohne Löw und seine Sachkenntnis wäre das deutsche Team nicht Dritter bei der WM im eigenen Land geworden. Dafür hatte er die “Goldene Henne” verdient.

Auf der etwa einstündigen Autofahrt beeindruckte er mich, weil er mit meinen Fragen nichts anfangen konnte, mit meiner Überraschung, dass dieses deutsche Team bei der WM so überzeugte – vor allem nach der blamablen Europameisterschaft zwei Jahre zuvor als man sang- und klanglos in der Vorrunde ausschied. Vier Jahre später – 2010 – schrieb ich über diese Autofahrt in der SUPERillu. Zitat daraus: “Ganz ehrlich, fragte ich damals, „dass wir Dritter werden würden, damit haben Sie doch auch nicht gerechnet?“ Löw schaute mich verständnislos an. Und antwortete: „Doch. Wir wussten ja, was die Mannschaft kann.“ Und dann erzählte er, wie er und Klinsmann das Team vorbereitet haben, berichtete über die Stärken der einzelen Spieler. Er sprach mit einer unglaublichen Begeisterung, mit Respekt, ja fast mit Liebe über die Spieler. Dabei war jede Sehne seines Körpers angespannt. Mir wurde klar: Dieser Mann glaubt an das, was er tut. Er liebt diesen Job, der für ihn Passion und Profession ist, und er weiß, dass er gut ist.” Löw – und das wurde mir damals klar – ist nicht der ruhige, gelassene Mann am Spielfeldrand, sondern der Visionär mit dem Tunnelblick. Und am Ende des Tunnels stehen die Pokale, die er haben will. Auch wie er da hin kommt, mit welchen Spielern, mit welchem Mannschaftsgeist, weiß er ganz genau. Nur so sind seine Personalentscheidungen zu verstehen.

Vier Jahre später holte ich Arne Friedrich von seinem Berliner Haus ab. Er sollte die “Goldene Henne” stellvertretend für die deutsche Fußballnationalmannschaft und ihre hervorragenden Leistungen bei der WM in Südafrika entgegennehmen. Auf der Autofahrt schwärmte er von der Freundschaft im Team, die “nie so groß war” wie in diesen Tagen. Als er mit einem Bandscheibenvorfall nach der WM in einem Münchner Krankenhaus lag, hätten ihn viele Mitspieler besucht. “Das war früher nicht so”, sagte er und fügte hinzu: “Die Zeit der Einzelgänger ist vorbei.” Mehr sagte er nicht. Aber ich verstand auch so. Er meinte, die Zeit der egomanischen Einzelgänger. Die Spielertypen, von denen man lange Zeit in Deutschland glaubte, man brauche sie und ihren angeblichen Siegeswillen unbedingt, um Titel zu gewinnen. Das war aber die Zeit, als in Deutschland Fussball gebolzt wurde. Heute wird er gespielt. Und das ist der Verdienst von Jogi Löw.

Ich gucke seit der WM 1974 aktiv und regelmäßig die Spiele der Fussballnationalmannschaft. Kein Team hat mich je so begeistert wie das Team, das sich seit 2006 formiert. Das sind einfach coole Jungs, die eine Vision von diesem Spiel im Kopf haben und Deutschland zur Zeit besser verkaufen, als jeder Politiker und Wirtschaftsmanager. Früher – bis auf  1972 vielleicht – waren wir die “Panzer”, die im “Blitzkrieg” (englische Zeitungen) die Spiele entschieden, heute begeistert das Team. Weltweit. Eine Freundin aus Indonesien schrieb mir vor einigen Tagen: “Mein Vater sagte immer als ich noch klein war, die schlimmsten Menschen der Welt, sind sie Deutschen. Heute sagt er, die besten Menschen der Welt sind die Deutschen. Und weisst Du warum? Weil sie die größte Wandlung hinter sich gebracht haben. Du brauchst dir nur deren Fussballmannschaft  angucken…” Auch ein Verdienst von Jogi Löw. Seine erster und vielleicht wichtigster Pokal.

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